Lagerfeuer & Gottkram

Die Grillhütten stehen meistens am Ortsrand oder auch mitten im Wald. Jede Hütte ist anders – manche werden den Duft von legendären Partys nie wieder los, es ist rustikal, klebt ein bisschen und irgendwo ist immer noch Konfetti. Andere glänzen, die Ausstattung lässt keine Wünsche offen und am Grill kann der Kenner wahre Wunder vollbringen.

Hin wie her, wer hier länger wohnt, verbindet Grillhütten mit gediegenen Familienfesten, ausufernden 18. Geburtstagen, Weihnachtsfeiern, Klassenausflügen, Sommerfesten…. man muss die Feste feiern, wie sie fallen und der gemeine Hunsrücker macht dies gerne in der Grillhütte.

Wir haben zwar noch mehr Kirchen als Grillhütten in unserer Region, aber leider wird die Einladung zu einer Gottesdienstfeier in der Regel nicht ganz so freudig angenommen wie die Einladung zu einer Feierlichkeit in der Grillhütte.

So kam uns die Idee, dass wir als ChristInnen doch auch mal außerhalb der eigenen heiligen Hallen GastgeberInnen sein könnten.

Und während viele Dorfbewohner nur in ihre eigene Kirche gehen (wenn sie denn noch gehen) ist es nicht verpönt, auch mal die Grillhütte drei Dörfer weiter zu besuchen.

 

So wurde unsere Idee geboren:

Wir mieten ca. alle 6 Wochen eine andere Grillhütte an und überlegen uns für jedes Mal eine neue Möglichkeit Gemeinschaft zu erleben. Auf unserem Programm stehen z.B. Brunch & Live-Musik, eine Nachtschicht für unsere Welt, orientalisches Kochen am Lagerfeuer, ein Kinoabend für Familien, eine Lesung am Kamin, eine Fackelwanderung, ein Geländespiel für Erwachsene, Abendbrot im Abendrot….und alles jeweils mit Gottkram.

Der Begriff „Gottkram“ steht bei uns als Platzhalter für eine Form von Andacht oder gemeinsamer Spiritualität. Bewusst möchten wir von unserem Glauben erzählen, von dem, was uns im Alltag trägt und was uns Hoffnung macht in dieser verrückten Welt. Wir versuchen dabei Gedanken – und Gesprächsimpulse zu geben und hoffen darauf, dass Gott dabei die richtigen Menschen zusammenbringt, die sich gegenseitig zum Segen werden.

So haben wir z.B. während einer Wanderung zwischen den Jahren mit Ingwer Shot und Schnaps auf die „fuck ups“ des vergangenen Jahres angestoßen und zum Abschluss gab es Segen für den Nebenmann und die Nebenfrau. Vorgelesen. Manchmal sehr persönlich mit heimlichen Tränchen und einer Umarmung. Manchmal auch einfach, schlicht und pragmatisch – nur das Ablesen des Textes auf dem Zettel.

Ein anderes Mal haben wir uns über Lieder ausgetauscht, die uns durchs Leben (oder in bestimmten Zeiten) begleiten. Daraus ist eine Spotify-Playlist geworden und beim Hören kann man so manches, persönliche Statement erinnern.

Bei der Nachtschicht war man eingeladen eine Stunde in der Nacht für unsere Welt „Wache zu halten“ Es gab ein paar Angebote, die dazu eingeladen haben, in dieser Zeit mit Gott zu sprechen. Manchmal reicht es aber vielleicht auch einfach da zu sein. Am Feuer. Und zu ahnen, dass Gott auch da ist und weiß, was mein Herz gerade bewegt.

Als Team wünschen wir uns, durch unsere Aktionen, anderen eine Freude zu machen. Wer zu uns kommt erlebt, dass das Feuer schon brennt. In der Hütte ist es kuschelig kaminwarm und draußen trifft man sich am Lagerfeuer. Es gibt immer etwas zu Essen und zu Trinken bei uns. Wir nehmen keinen Eintritt und brauchen keine vorherige Anmeldung.

Eine Gästin hat uns ein schönes Kompliment gemacht: „Ich dachte mir, dass bei Euch ist so eine Veranstaltung, da kann man auch alleine hinkommen. Da gibt’s nicht von vorneherein so ein festes Grüppchen, zu dem man dann irgendwie doch nicht dazu gehört.“

Genau das ist es tatsächlich, was wir uns als Team wünschen, dass jeder der kommt, die Chance hat Gemeinschaft zu erleben. Vieles, was für den Glauben an Gott wichtig ist, lässt sich nur in und durch Gemeinschaft erfahren und vielleicht können wir einen kleinen Beitrag dazu leisten. Es wäre schön, wenn Menschen bei uns erleben, dass ein gemeinsames Gebet innerlich stark machen kann, dass die (Lebens)-Geschichte eines anderen auch meine eigene verändert, dass zusammen Brot und Wein zu teilen mehr sein kann als eine Mahlzeit, dass das Gefühl einsam zu sein bei uns kleiner wird.

 

Wir wissen nicht, ob es unser Projekt in 3-4 Jahren so noch gibt. Vielleicht. Vielleicht braucht es dann aber auch schon wieder etwas anderes.

Gerade stecken wir mitten in der „Wir müssen uns bekannt machen und wollen ganz viel ausprobieren“ Phase.

Unser Programm für 2024 haben wir komplett zu Jahresbeginn festgelegt. Vielleicht wiederholen wir einige Formate. Sicher kommt auch noch neues dazu. Aktuell versuchen wir Kirchengemeinden dazu zu gewinnen, uns für nächstes Jahr einzuladen. Natürlich nicht in ihre Kirche sondern in die Grillhütte ihres Dorfes. Zusammen mit interessierten Gemeindegliedern würden wir dann überlegen, welches Format für ihr Dorf gerade gut passen könnte und wie wir das gemeinsam umsetzen könnten. Wir erhoffen uns davon natürlich, einiges an Kosten einzusparen. Noch viel mehr hoffen wir aber, dass Gemeinden lernen umzudenken. Dass nicht die Frage im Vordergrund steht: Wie kriegen wir die Leute endlich wieder in die Kirche? Sondern: Was können wir als Kirche endlich wieder für die Leute tun?

Wir sind gespannt, wen wir noch alles auf diesem Weg treffen und gehen davon aus, dass Gott uns Herzen und Grillhütten öffnet, wann und wo es ihm gefällt.

Erprobungsräume mit ähnlicher Ausrichtung oder Zielgruppe:

Bauwagen – Wir bauen Gemeinschaft

weiterlesen

Kalk Kennen

weiterlesen